Flucht

Spektakuläre Flucht bei Nacht und Nebel

In den späten Abendstunden eines nebligen Tages im April 1968 flüchtete ein junger Soldat der Grenzkompanie Stapelburg in Begleitung seiner Verlobten unbemerkt über die innerdeutsche Grenze nach Eckertal (Bad Harzburg).

Die Verlobte wohnte bei ihren Eltern in der Muna-Siedlung der Gemeinde Stapelburg. Die Siedlung befindet sich im 500 Meter breiten Schutzstreifen entlang der Grenzlinie und durfte nur in Ausnahmen mit einem Passierschein betreten werden. Der Grenzsoldat hatte die Erlaubnis, seine Verlobte in der Wohnung ihrer Eltern zu besuchen.

Der Fluchtweg des Soldaten führte zunächst vom Grundstück der Grenzkompanie Stapelburg zur Ortsmitte außerhalb des Schutzstreifens. Dort war er mit seiner Verlobten verabredet. Sie warteten, bis es dunkel war. Danach gingen sie vorsichtig in Richtung Bahndamm der stillgelegten Bahnstrecke zwischen Eckertal und Stapelburg. In diesem Grenzabschnitt, der unvermint war, kannte sich der Unteroffizier der Grenztruppen bestens aus. Nur mit einem Marschkompass ausgestattet, schlichen sie zur „Staatsgrenze West“, überwunden problemlos die Grenzsperranlagen bis auf einen etwa zwei Meter hohen Stacheldrahtzaun.
Schweißtreibend kratzte das Verlobungspaar mit ihren Händen lautlos das Erdreich unter dem untersten Stacheldraht so weit weg, dass sie untendurch kriechen konnten. Streckmetallgitterzäune und Selbstschussanlagen vom Typ SM-70 gab es damals noch nicht. Bei der zeitraubenden Buddelaktion hatten sie fürchterliche Angst, von einer Fußstreife oder Hunden der Hundelaufanlage entdeckt zu werden. Außerdem schauten sie oft zum Bahndamm, da dort ein Beobachtungsturm stand, damals noch in Holzkonstruktion. Nachdem sie den Grenzfluss Ecker durchquert hatten, war ihre mehrstündige und lebensgefährliche Flucht in den Westen geglückt!

Auf der Blankenburger Straße, etwa 100 m vom Jungbornplatz in Eckertal, kamen gegen Mitternacht meinem Kollegen und mir eine Frau und ein Mann entgegen. Wir führten eine Grenzdienststreife durch.  Der Mann hat uns unaufgefordert und ängstlich darüber informiert, dass er Soldat der DDR-Grenztruppen ist und soeben mit seiner Verlobten von Stapelburg in die BRD geflüchtet sei.

Wir gingen mit den „Republikflüchtigen“ zur Grenzaufsichtsstelle Eckertal, stellten unter anderem ihre Personalien fest, ließen uns den Ablauf ihrer Flucht schildern und übergaben das glückliche, unverletzte aber völlig erschöpfte Paar dem Bundesgrenzschutz in Goslar.

Der Grenzsoldat, der Verwandte in NRW hatte, bedankte sich für die freundliche und herzliche Aufnahme und schenkte mir seinen mitgeführten Marschkompass F 58 der DDR-Grenztruppen, den ich noch heute in Ehren halte.

Bei der Fortsetzung unseres Streifendienstes stellten wir später fest, dass die Grenzkompanie Stapelburg offensichtlich eine Suchaktion ausgelöst hatte. Der Grenzabschnitt zwischen Stapelburg und Eckertal war hell erleuchtet. Zusätzlich wurden die Grenzsperranlagen mit Scheinwerfern abgeleuchtet.

Die beiden Grenzsoldaten vom Beobachtungsturm „Bahndamm“ wurden mehrere Tage von der Stasi verhört und anschließend strafversetzt, weil sie den Grenzdurchbruch nicht bemerkt hatten.
Die Familie der Verlobten wurde in das Landesinnere zwangsumgesiedelt.

Helmut Gleuel
Ehemaliger Zollbeamter
der Grenzaufsichtsstelle Eckertal (Zollkommissariat Bad Harzburg)