Kampf zweier rivalisierender Männchen des Hirschkäfers - Foto: Ralf Steinberg

Hirschkäfer in der Nationalparkregion Harz werden kartiert

Wernigerode. Der Hirschkäfer (Lucanus cervus) ist einer der größten, imposantesten und wahrscheinlich auch bekanntesten Käfer Mitteleuropas. Den Namen trägt das bis zu neun Zentimeter große Tier dank der geweihartig vergrößerten Oberkiefer (Mandibeln) der Männchen. Zur Fortpflanzungszeit Ende Mai bis Anfang September sind die Männchen auf der Suche nach paarungsbereiten Weibchen. Treffen mehrere Männchen bei einem Weibchen aufeinander, so kann es zu erbitterten Rivalenkämpfen kommen. Dabei versuchen die Kontrahenten, ihr gegenüber mit dem Geweih zu umklammern oder auszuhebeln und vom Baum zu werfen. Das Krachen und Knacken der kämpfenden Hirschkäfer¬männchen soll an stillen Sommerabenden bis zu 15 Meter weit zu hören sein.

Während der Paarung hindert das Männchen mit Hilfe seines Geweihs das Weibchen daran, fortzulaufen. Nach der Begattung gräbt sich das Weibchen mehrere Dezimeter tief ins Erdreich und legt dort im Laufe mehrerer Tage ihre Eier an verrottendem Holz ab. Die daraus schlüpfenden Larven ernähren sich von dem morschen, feuchten und verpilzten Holz. Damit sind die Tiere abhängig von einem hohen Aufkommen an ausreichend starkem Totholz mit Erdkontakt. Besonders Eichentotholz gilt als optimales Nahrungssubstrat für die Entwicklung der Larven, aber auch andere Laubhölzer und selbst Fichten oder Kiefern können als Brutsubstrat dienen. Möglicher¬weise sind der Zersetzungsgrad und die Pilzbesiedlung von größerer Bedeutung für die Qualität des Brutsubstrats als die Baumart. Die unterirdische Entwicklung der Larve bis zur Puppe bestimmt mit 5 bis 8 Jahren den weitaus größten Teil des Lebens der Tiere. Dabei können die Larven mit bis zu 12 cm noch deutlich größer werden als die ausgewachsenen Käfer. Wohl aufgrund suboptimaler Bedingungen, z.B. bei mangelnder Qualität des Brutsubstrats, kann sich aus der verpuppten Larve die sogenannte capreolus-Form, der „Rehkäfer“. entwickeln, bei der die männlichen Oberkiefer nur noch verkümmerte Geweihe bilden. Nach dem Schlupf aus der unterirdischen Puppenwiege leben die Käfer nur noch 4 bis 8 Wochen, um sich fortzupflanzen. In dieser Zeit nehmen die Käfer Baumsaft auf, der mit bestimmten Pilzen versetzt ist und zur Reifung der Keimzellen benötigt wird. Deshalb finden sich die Tiere oft an Saftflussstellen, insbesondere von Eichen und Buchen, ein. Nach der Kopulation bzw. Eiablage sterben die Tiere.

Der lange Generationszyklus und die Abhängigkeit von alten Baumbeständen mit hohem Anteil von Totholz begründet die heutige Seltenheit des Hirschkäfers. Der ehemals weit verbreitete Käfer ist insbesondere durch die Entfernung von Totholz und durch einen entsprechenden Mangel an großen absterbenden Bäumen in unseren Wäldern selten geworden. Zudem sind in der Vergangenheit vielerorts, so auch im Harz, strukturreiche Laubmischwälder durch schnell wachsende Fichten- oder andernorts Kiefernforste ersetzt worden. Wiederholt ist in der Literatur zu lesen, dass kleine Populationen auch durch die Wühl- und Fraßaktivität von Wildschweinen gefährdet sein können. Aufgrund der spezifischen Ansprüche an seinen Lebensraum gilt der Hirschkäfer gemeinhin als guter Indikator für struktur- und vor allem totholzreiche Laubwaldgebiete. Mancherorts kommen aber mittlerweile individuenreiche Populationen in alten Parkanlagen, Obstbaumbeständen, Gärten oder entlang von Alleen vor, weshalb der Hirschkäfer von einigen Autoren zumindest regional bereits als Kulturfolger betrachtet wird. Auf der Roten Liste Deutschlands wird der Hirschkäfer als „stark gefährdet“, auf der Roten Liste Sachsen-Anhalts als „gefährdet“ eingestuft. Zudem wurde der Hirschkäfer von der EU in den Anhang II der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (kurz FFH) als Art von gemeinschaftlicher Bedeutung aufgenommen, weshalb dem Schutz seiner Lebensstätten europaweit eine große Bedeutung eingeräumt wird. Der Erhaltungszustand der Art wird deutschlandweit als „unzureichend“ eingeschätzt.

Verbreitungsschwerpunkte des Hirschkäfers in Sachsen-Anhalt liegen in der Colbitz-Letzlinger Heide, im Elbtal und im Südharz. In Niedersachsen sind größere Vorkommen z.B. aus der Göhrde und der Lüneburger Heide bekannt. Im Harz kommt der Hirschkäfer nur in den Randbereichen vor. In der Nationalparkregion beschränkt sich das Vorkommen des Hirschkäfers weitgehend auf wärmebegünstigte Habitate in Höhenlagen unter 500 m. Aktuelle Funde stammen beispielsweise aus dem Harly sowie aus den Stadtgebieten von Wernigerode und Blankenburg. Zudem gibt es aus Ilsenburg einige ältere Fundmeldungen. Hier sind in den letzten Jahren allerdings keine aktuellen Funde mehr bekannt geworden, so dass von einem lokalen Aussterben der Population ausgegangen werden muss.

Ein aktueller Nachweis des interessanten Tieres für den Nationalpark Harz fehlt trotz gezielter Nachsuche und benachbarter Vorkommen (z.B. in Wernigerode) bisher. Dem möglichen Auftreten der Käfer, vor allem an warmen Sommerabenden, sollte deshalb vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt werden. Während des Schwärmens zur Paarungszeit ist der brummende und unbeholfen wirkende Flug auffällig. Häufig werden auch Körperteile als Reste z.B. einer Vogelmahlzeit gefunden.

Hinweise auch auf ehemalige Vorkommen werden gern persönlich, per Telefon (03943/5502-33) oder E-Mail (andreas.marten@npharz.sachsen-anhalt.de) entgegen genommen und leisten einen wertvollen Beitrag zur Kenntnis der Wirbellosenfauna in der Nationalparkregion.