Vollbesetztes DGH. Foto: privat

Heimatnachmittag in Abbenrode

Abbenrode. Etwa 150 Besucher, aus den Landkreisen Harz und Goslar kamen zum Heimatnachmittag in das Dorfgemeinschaftshaus (DGH). Der Heimatverein hatte zum Thema „70. Jahrestag der Sprengung der „Muna“ am 10. April 1945 im Schimmerfeld“ eingeladen.

Der 1. Vorsitzende Andreas Weihe und die weiteren Mitglieder des Vorstandes mussten noch zusätzlich Tische und Stühle in den Saal stellen um allen einen Sitzplatz zu ermöglichen. Einen geschichtlichen Rückblick vom Bau der Muna 1936, bis zur Sprengung am 10. April 1945 gab Andreas Weihe. Der Bau der Muna wurde 1934/35 geplant, der Baubeginn war Ende 1935. Unter strengster Geheimhaltung und unter dem Reklamespruch „Wir bauen hier eine Schokoladenfabrik“ wurden hier eine große Anzahl von Arbeitern und Handwerkern eingesetzt. 1936/37 wurde im Lerchenfeld die Munasiedlung erstellt, je nach Rang und Größenordnung der Bediensteten gebaut. Innerhalb von drei Jahren entstanden 18 große Häuser mit Wache, dazu kamen 180 Objekte im Gelände mit Straßen, über 90 Bunker, 8 Werkstätten und 28 Garagen, ein überdachter Bahnhof und eine Verpackungsstraße. Bereits 1937 wurde die Muna mit einem 2 Meter hohen Maschendrahtzaun mit nach oben gebogenen Betonpfählen und Stacheldraht umgeben. Für viele Bewohner der anliegenden Dörfer, auch Abbenrode, gab es viele neue Arbeitsplätze auf der Muna. Von 1942 bis 1945 wurden immer mehr zivile Personen, Rentner und Frauen sowie bäuerliche Gespanne dienstverpflichtet. Dieses galt auch für Arbeiten in der Muna am Sonnabend und Sonntag während Benzin und Diesel immer knapper wurden.

Während des Krieges wurde die Muna von den Aufklärern der Engländer und Amerikaner mehrfach gesucht- aber wegen der außerordentlichen guten Tarnung nicht gefunden. Trotz großer Mengen an Granaten, Munition und Bomben, die über Jahre dort bewegt wurden, gab es wie durch ein Wunder keine Unfälle. Am 9. April habend die amerikanischen Panzer Hildesheim eingenommen und den Stadtrand von Goslar erreicht, am 10. April wurde Vienenburg ohne Widersand durch die Amerikaner eingenommen. In der Muna liefen viele Befehle durcheinander. Über entflohene polnische und französische Kriegsgefangene erhielten die amerikanischen Truppen Nachricht von der bevorstehenden Munasprengung. Sie stoppten ihren Vormarsch und warteten in Vienenburg und Bad Harzburg die Sprengung ab. Am 10. April gegen 15 Uhr erhielt Oberstleutnant Austen als Chef der Muna aus Magdeburg den Befehl zur Sprengung des gesamten Gebietes. Ein Spezialkommando legt ab 15.30 Uhr Sprengleitungen zu allen Projekten und Bunkern. Die Dörfer in Stapelburg, Lochtum, Bettingerode und Eckertal wurden aus der Muna über einen Militärboten an die Bürgermeister und Ortspolizisten den Befehl, schnellstens die Dörfer wegen der bevorstehenden Sprengung bis 19 Uhr zu räumen. Da nur in der Muna Sirenen vorhanden waren, wurde ebenfalls befohlen, die Kirchenglocken als Alarmsignal zwischen 18 und 19.30 Uhr durchgehend zu läuten. Um 16 Uhr des 10. April erhielt der Bürgermeister Wiemann, die amtliche Mitteilung, dass am Abend die „Muna“ im Schimmerwald gesprengt wird.

Hermann Stolte musste diese Nachricht als Bekanntmachung mit der Glocke ausläuten. Bis spätestens 19 Uhr sollten alle Einwohner das Dorf verlassen haben. Per Ochsen- und Pferdegespann sowie mit Handwagen verließen die Abbenröder das Dorf in Richtung Schauener Wald und Lüttgenröder Holz. Die Kirchenglocken läuteten Sturm. Vor der Kirche tauchen junge Männer mit gestreiften KZ-Anzügen auf, die entkräftet um Essen bitten. Das SS-Bewachungspersonal war geflüchtet. Einige Feuerwehrleute bleiben als Brandwache und wegen Plünderung im Dorf zurück. Um 21.30 Uhr wird es langsam dunkel und die Munasprengung beginnt. Alle erhielten Anweisung, bei der Sprengung flach auf den Boden zu legen und den Mund zu öffnen. Dann bebt plötzlich vor Erschütterung die Erde, während gleichzeitig im Westen ein großer explosionsartiger Feuerstein den Himmel erhellt. Furchtbare Detonationen erschüttern die Erde und die Luft. Eine gewaltige Explosion jagt die nächste. Aus Angst gehen Pferde mit den Wagen durch, Kinder schreien und alte Leute wimmern.

Zeugen berichten, sie hätten in der Nacht Zeitungslesen können auf der Straße, so grell waren die Explosionsblitze Nach etwa 3,5 des Infernos ist endlich die Sprengung vorbei. Im Morgengrauen kehren die Dorfbewohner in ein zerstörtes Dorf zurück. Dachziegel, Glasscherben, Betonstücke der Bunker und Bombensplitter liegen auf den Straßen. Teilweise sind Türen und Fenster aus den Angeln gerissen. Riesige Löcher in den Dächern, Staub und Dreck auf den Straßen sind das Bild der Zerstörung. Teilweise war das Dorf durch Fremdarbeiter geplündert wurden. Günter Mittrach begleitete den Vortrag mit vielen Fotos. Als erster Zeitzeuge erläuterte Heinz Puse, 86 Jahre, aus Ilsenburg, wie er 1945 die Sprengung erlebte. Er spielte mit seinem Freund in Altfeld, in der Nähe der Muna. Dort erfuhr er, dass eine große Sprengung ansteht. Er lief schnell Nachhause zu seiner Mutter nach Abbenrode, er erzählte ihr, dass die Muna gesprengt würde. Die Mutter schickte den damals 16 –jährigen zum Bürgermeister Wilhelm Wiemann und erzählte ihm von der Sprengung. Heinz Puse wurde zur Muna geschickt und um sich zu erkundigen, wann die Sprengung erfolgen sollte. Von einem Offizier wurde er vor der Muna gefragt: „Was hast du hier zu suchen?“. Von ihm erfuhr er, dass es am Abend um 19 Uhr passieren soll. Er kehrte nach Abbenrode zurück und fuhr mit dem Horn durch Abbenrode und verkündete, dass um 19 Uhr gesprengt wird.

Ein weiterer Zeitzeige war Alfred Dittberner, der heute 88 Jährige lebt in Immenrode. Im Frühjahr 1945 geriet Dittberner in britische Kriegsgefangenschaft. Er hatte in seinem Soldbuch stehen „Kurzlehrgang Heeresfeuerwerkerschule Döberitz“. Dadurch konnten die Engländer Einsicht in diese Bücher nehmen. Seine neue Einheit sollte eine größere Aufgabe übernehmen, die bestand darin, die Munitionsanstalt Eckertal /Stapelburg, auch Muna genannt, zu schleifen und Bomben und Munition zu sprengen. In Eckertal wurde er damals 200 Meter von der damaligen Zonengrenze in Zelten auf einer Wiese untergebracht. Zunächst sollten die Bunker gesucht werden, in denen Munition lagerte. Er erinnert sich, dass die Anlage aus 92 Bunkern bestand. Viele der Bunker wurden schon während des Abzuges der Deutschen Truppen gesprengt, aber man hatte nur die Betondecken gesprengt. Dadurch hoffte man zu erreichen, das die Bomben nicht in Feindeshand fallen würden. Die verschüttete Munition musste nun geborgen und vernichtet werden. Zu den größten Behinderungen der Arbeit gehörte es, dass die Anliegerstraßen und Wege zu den Bunkern total zerstört waren. Da mit dem LKW oder Jeeps kein Vorankommen mehr war, wurden Kettenfahrzeuge und Bagger angefordert. Der Baggerfahrer war ein britischer Corporal, nach ungefähr viermonatigen Einsatz kippte er mit dem Bagger um und er verstarb. Die freigelegten Granaten und Bomben wurden eingesammelt in Vertiefungen gelegt und zweimal am Tag, um 11.30 Uhr und 16 Uhr gesprengt.

Otto Deike aus Lochtum erinnert sich noch genau an die Sprengung, er war damals 8 Jahre alt. „Wir blieben im Keller, mit Stempeln waren die Decken im Keller abgestützt, auch die Nachbarn kamen hinzu, sämtliche Türen und Fenster wurden geöffnet“, so Otto Deike. Margaritha Heyer aus Abbenrode berichtet e auch über Erinnerungen aus der Kindheit. Der Förster Hermann Schulte aus Bettingerode berichtete über seine Erlebnisse im Schimmerwald während seiner langjährigen Dienstzeit, Auf viel Interesse stieß die Ausstellung im DGH, mit Fundstücken, Fotos und Dokumenten. Das Heimatmuseum hat geöffnet, jeweils am ersten Samstag im Monat von 14 bis 17 Uhr und zusätzlich bis Oktober jeden Mittwoch von 10 bis 16 Uhr. Der Regionalverband Harz hat in der vergangenen Woche den Heimatverein für die erfolgreiche Teilnahme am Naturpark- Wettbewerb 2015 zum Thema „Heimatmuseum in der Harzregion“ ausgezeichnet.